Andy Scott erzählt die SWEET-Geschichte anhand ihrer Alben

SweetIn den 70er Jahren feierten SWEET international und vor allem auch in Deutschland große Erfolge. Sie waren der Inbegriff des Glamrock. In der Musiksendung “disco” mit Ilja Richter und im “Musikladen” hatten sie mehrere Auftritte. Zum 50. Jubiläum der Bandgründung führt uns Gitarrist Andy Scott anhand der Alben des neuen Boxsets SENSATIONAL SWEET – CHAPTER ONE: THE WILD BUNCH im Interview durch die Geschichte der Band. Eine aufregende Reise mit spannenden Einblicken ins Innenleben von SWEET.

Das Interview für 70s-disco führte Chris Hauke

Die Vorgeschichte

ANDY: “Bei Gesangsaufnahmen traf Brian [Connolly, Sänger] auf unseren späteren Produzenten Phil Wainman. Der sagte ihm: ‘Ich habe ein paar Songwriter, deren Songs zu deiner Stimme passen. Sie heißen Nicky Chinn und Mike Chapman.’ Brian willigte ein und sang drei oder vier ihrer Songs an einem Nachmittag in einem Studio ein. Eine dieser Nummern war ‘Funny Funny’. Als Wainman es einigen Leuten vorspielte, sagten die: ‘Brillant. Ist das eine Band?’ Wainman log und sagte ja. Dann ging er zu Brian und sagte: ‘Gibt es deine Band noch, The Sweet?’ Auch Brian log und sagte ebenfalls ja. Aber der Gitarrist war ausgestiegen. Also machten sie sich auf die Suche und fanden mich als Nachfolger. Einem Monat nach dem Meeting waren wir eine Band, die Konzerte spielte. The Sweet hatten einen neuen Plattenvertrag.”

FUNNY FUNNY HOW SWEET CO-CO CAN BE, November 1971

ANDY: “Von den frühen Aufnahmen kam die Idee, jede Menge Chinn & Chapman-Songs auf diesem ersten Sweet-Album unterzubringen. Als die Band davon Wind bekam, beschlossen wir, eigene Songs zu schreiben, und brachten sie in die Auswahl. Wenn das ein Sweet-Album ist, dann lass uns auch Sweet-Songs drauf haben! Wir mussten dafür auf eine spezielle Art schreiben, sehr Pop-artig. Ansonsten hätten wir es wahrscheinlich mit der Art Heavy Metal gefüllt, die wir damals auf die B-Seiten der Singles packten.”

Durch die frühen Singles wie „Funny Funny“ und „Co-Co“ hattet ihr das Image einer Teenie-Band.

ANDY: “Lass es mich so sagen: Das war keine leichte Phase. Jeder von uns – Brian vielleicht etwas ausgenommen, denn er genoss das Rampenlicht – hätte sehr viel lieber etwas anderes auf der Bühne performt als einen Song wie ‘Funny Funny’. Aber du musst bedenken: Wir waren damals alle um die 20 Jahre alt und hatten schon als Teenager begonnen. Wenn du fünf oder sechs Jahre dabei bist und der Erfolg endlich deinen Weg kreuzt, ist es sehr schwer, diesen Reiz zu bekämpfen und zu sagen: ‘Ich will das nicht machen.’ Die Mehrheit der Leute würde tun, was wir getan haben – und sich dafür bedanken. Und noch etwas: Aktuell scheint es, dass alle großen Acts ‘Lalala’-Songs singen. Heute würden wir mit solchen Kinderliedern also wohl durchkommen. Vor 46 Jahren hat man uns dafür vermöbelt.”

Bis zum nächsten Album SWEET FANNY ADAMS gab es eine längere Phase, wo ihr nur Singles herausbrachtet.

ANDY: “Du warst damals entweder eine Singles-Band oder eine Album-Band. Sweet fielen in die erste Kategorie. 1973 hatten wir genug davon. Wir hatten angefangen, Lieder wie ‘Block Buster’ und ‘Hell Raiser’ aufzunehmen. Ende des Jahres hatten wir dann ‘Ballroom Blitz’ in der Pipeline.”

SWEET FANNY ADAMS, April 1974

ANDY: “Unser erstes wirkliches Album. Wir sagten zu Phil Wainman: ‘Wir müssen ein Heavy Rock-Album machen, ansonsten wird das nicht mehr lange gut gehen.’ Ich hatte in meiner Garage einen Haufen Songs geschrieben, darunter ‘Set Me Free’ und ‘In To The Night’’. Von den etwa acht Nummern wurde mehr als die Hälfte aufgenommen. In diesem Moment hatten wir die Scheuklappen abgelegt. Unsere Ansage war klar: Dieses Mal werdet ihr uns nicht verstummen lassen. SWEET FANNY ADAMS ist wohl das beste Album, das wir je gemacht haben. Es ging in die Charts, ohne eine Single, die es dahin getragen hat. Das gab uns einen Wert.”

DESOLATION BOULEVARD, November 1974

ANDY: “Chinn und Chapman waren in Amerika, als SWEET FANNY ADAMS herauskam. Sie haben sich gewundert, dass wir weder ‘Ballroom Blitz’ noch ‘Teenage Rampage’ auf das Album gepackt hatten, doch in unseren Augen hätte das nicht gepasst. Im Sommer kamen sie zurück. Mike Chapman sagte: ‘Ich möchte euer nächstes Album produzieren – aber ich habe die Zeit dafür nur im Herbst.’ Er wollte, dass wir unser Equipment im Studio wie bei einem Konzert aufbauen und dann möglichst live aufnehmen. Doch in der Zwischenzeit hatten wir ein paar Singles eingespielt: ‘Turn It Down’, ‘The Six Teens’ und ‘I Wanna Be Comitted”. Diese drei hatten die volle Riege der Produktion bekommen, um im Radio zu laufen. Der Rest des Albums wurde innerhalb einer Woche eingespielt. Ich sage nicht, dass ich es gehasst habe, aber ich war ein wenig enttäuscht. Für mich steht dieses Album nicht auf dem Niveau von SWEET FANNY ADMAS.”

In Amerika hatte  DESOLATION BOULEVARD eine anderes Tracklisting.

ANDY: “Der Großteil des Materials der amerikanischen Ausgabe kam von SWEET FANNY ADAMS, denn dieses wurde in Amerika nie veröffentlicht. Wenn du so etwas machst – dir das beste Material von zwei Alben herauspickst und es als dein erstes richtiges Rock-Album herausbringst – wird das nächste Album ein sehr schwieriges Ding. Dafür erhielt DESOLATION BOULEVARD Doppel-Gold.”

GIVE US A WINK!, Februar 1975

ANDY: “Wir hatten Zeit in den Musicland Studios in München gebucht, wo auch die Rolling Stones und Deep Purple bereits gearbeitet hatten. Unser Plan war, die Mutter aller Heavy-Metal-Alben aufzunehmen. Als wir von den Sessions zurückkamen, fragte uns jeder: ‘Wo sind die Singles?’ Wir antworteten: ‘Es gab auch keine Single auf den vorherigen Alben.’ In Amerika allerdings schon, denn dort hatten sie ‘Ballroom Blitz’ und das neu eingespielte ‘Fox On The Run” auf DESOLATION BOULEVARD gepackt. Jetzt saßen wir also da mit einem Album, das keine Single hatte. Wir mussten noch eine schreiben, und das ziemlich schnell – zum Glück kam uns ‘Action” in den Sinn. Dank der Nummer wurde das Album extrem gut angenommen, auch in den Staaten. Aber du konntest schon sehen, dass die Leute ein wenig verwirrt waren.”

OFF THE RECORD, April 1977

ANDY: “Als wir OFF THE RECORDS aufnahmen, hätte ich gerne Material von anderen Leuten verwendet – wenn denn der richtige Song aufgetaucht wäre. Wir dachten damals, wir müssten einen Schritt von dem Heavy Metal weg gehen und es etwas leichter machen. Ich bin mir nicht sicher, ob das die beste Entscheidung war. Vielleicht wären wir besser dran gewesen, wenn wir gesagt hätten: Ihr könnt uns mal, wir machen es genau so heavy wie das letzte. Aber ich kann nicht zurückgehen und es ändern.”

LEVEL HEADED, Januar 1978

ANDY: “Das Songmaterial ist ziemlich AOR-lastig. Du kannst nun mal nicht ignorieren, was um dich herum abgeht. Die Fleetwood Mac-Alben [FLEETWOOD MAC, 1975, und RUMOURS, 1977] waren rausgekommen und wurden in Amerika sehr erfolgreich. Da fängt man schon an zu überlegen: ‘Was würde das US-Radio spielen?’ Du versuchst nicht, nach Vorgabe zu schreiben, aber du überlegst schon, deinen Sound in eine Richtung zu lenken, die das Radio aufgreifen könnte. Mit ‘Love Is Like Oxygen’ als Zugpferd wurde es weltweit gesehen zu unserem zweiterfolgreichsten Album.”

2018 feiern Sweet ihren 50. Geburtstag. Eure Musik ist noch immer aktuell, auch durch Filme wie zuletzt “Guardians Of The Galaxy 2”, das “Fox On The Run” prominent in Szene setzt. Das muss dich als Komponist und Musiker stolz machen.

ANDY: “Das tut es. Aber man sollte sich davon nicht weggetragen lassen, sondern es so nehmen, wie es kommt. Fang bloß nicht an zu glauben, dass du nun so etwas wie ein Gott-artiger Charakter bist – denn das wird auf dich zurückkommen und dich in den Hintern beißen. Der einfachste Weg ist, vielen Dank zu sagen, weiterzumachen und zu schauen was als nächstes passiert.”

SENSATIONAL SWEET: CHAPTER ONE – THE WILD BUNCH (1971-1978)

Zum 50. Bandjubiläum erscheint mit SENSATIONAL SWEET: CHAPTER ONE – THE WILD BUNCH eine sensationelle Kollektion aller Aufnahmen aus den Jahren 1971 bis 1978 , und zwar auf insgesamt neun CDs. Dazu gehören alle Sweet-Alben, die in dieser Zeit erschienen, die teilweise mit bislang unveröffentlichten Bonustracks ergänzt wurden. Zusätzlich gibt es gleich drei Bonus-CDs: die THE LOST SINGLES ist eine Non-Album-Single-Kompilation und B-Seiten, ein Livekonzert aus dem Rainbow Theatre in London vom Dezember 1973 (war seit 2007 nicht mehr als CD erhältlich) und eine bislang unveröffentlichte BBC-Sessions-Aufnahme auf AT THE BEEB.

Ein 52-seitiges Booklet mit viel spannendem Bildmaterial macht die Werkschau zu einem echten Schatzkästchen!

Was ein Stromausfall in Frankreich mit Weihnachten ohne Wahnsinn für SWEET und zwei ihrer größten Hits zu tun hat – lest auf www.rock.de!

SENSATIONAL SWEET: CHAPTER ONE – THE WILD BUNCH (1971-1978):

1. Funny How Sweet Co Co Can Be
Original Studio Album + 1 Bonus Titel
2. Sweet Fanny Adams
Original Studio Album + 3 bisher unveröffentlichte neue Bonus Titel
3. Desolation Boulevard
Original Studio Album + 7 Bonus Titel, 4 davon bisher unveröffentlicht
4. Give Us A Wink!
Original Studio Album + 4 Bonus Titel, 1 davon bisher unveröffentlicht
5. Off The Record
Original Studio Album + 7 Bonus Titel, 2 davon bisher unveröffentlicht
6. Level Headed
Original Studio Album + 7 Bonus Titel, 4 davon bisher unveröffentlicht
7. The Lost Singles
Zusammenstellung von Singles & B-Seiten, die auf keinem Studio Album vertreten sind (83 Minuten Spielzeit)
8. The Rainbow (Sweet Live in The UK)
Das komplette Konzert – seit 2007 nicht mehr auf CD verfügbar
9. The Sweet At The BEEB (The BBC Radio Sessions)
17 Titel, 15 davon neu wiederentdeckt und bisher unveröffentlicht
& 52 Seite farbiges Textheft
mit umfangreichem, neuem Essay Vorwort und unveröffentlichten Fotos

Veröffentlichungsdatum: 17. November 2017
℗ 1971 – 1978, 1999, 2017 © 2017 RCA Records/Sony Music Entertainment Germany GmbH

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