Udo Jürgens: Das letzte Konzert

UdoJürgens_DasLetzteKonzert_BeitragMehr als 1.000 Lieder hat er geschrieben, mehr als 50 Alben aufgenommen und mehr als unglaubliche 100 Millionen Tonträger verkauft: Zweifellos gehört Udo Jürgens (1934-2014) zu den Giganten der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik. Am 7. Dezember 2014 spielte er in seiner Wahlheimat Zürich sein letztes Konzert, das bis auf den hintersten Platz ausverkauft war.

Text: Ernst Hofacker

Schlussakkord mit ewigem Nachhall

Niemand konnte damit rechnen, dass dieser Auftritt sein letzter sein würde, doch zum Glück ist er als beeindruckendes Ton- und Bilddokument erhalten. Dieses ist nicht mehr und nicht weniger als das persönliche Portrait des Udo Jürgens, das den Schaffenskreis jenes Ausnahmekünstlers mit dem letzten Akkord schließt, den er je auf einer Bühne vorgetragen hat.

Auch an seinem letzten Konzertabend machte sich Udo Jürgens in pointierten Kommentaren zwischen den Liedern für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Liebe stark, ohne dabei den Schalk seiner unbeschwerten Hits zu verheimlichen. So umfasst das musikalische Spektrum des Chansonniers und Entertainers auf dem als Doppel-CD, DVD und Blu-ray aufgezeichneten Konzert sowohl das sinfonische „Die Krone der Schöpfung“ als auch das legendäre „Ich war noch niemals in New York“ bis hin zum intimen Schlusspunkt „Zehn nach Elf“.

UdoJürgens_DasLetzteKonzert_WebDas letzte Konzert – Zürich 2014
Udos Schlussakkord: ein besonders persönlicher Moment Musikgeschichte.

 

Bademantelträger vor 220.000 Fans

UDO JÜRGENS (30.09.1934- +21.12.2014)  - Mitten im Leben - Tour 2014 (seine letzte Tournee), EXKLUSIVBILDER, 14.10.2013Legendär sind die Konzerte des Mannes am Klavier bereits seit Jahrzehnten. Und natürlich sein weißer Bademantel. Irgendwann Mitte der 1960er-Jahre war Udo Jürgens nach einem Konzert für eine Zugabe noch einmal auf die Bühne gekommen und hatte sich dafür einen weißen Bademantel übergeworfen – fortan ein unverzichtbares Ritual, das der Sänger bis zu seinem letzten Konzert am 7. Dezember 2014 in Zürich beibehielt. Mehr als drei Jahrzehnte lang, seit seiner „Udo live“-Tour 1982, arbeitete Jürgens live mit der Big Band seines engen Freundes Pepe Lienhard zusammen. Die größte Zuschauermenge, die je für ein Udo-Jürgens-Konzert zusammenkam, zählte im Jahr 1992 auf der Wiener Donauinsel sage und schreibe 220.000 Köpfe.

UdoJürgens_AberBitteMitSahne_WebHörtipp: Aber bitte mit Sahne – die Jubiläumsedition
Die größten Erfolge des Entertainers auf einem Doppelalbum: Hits wie „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“, „Ehrenwertes Haus“, „Merci Cherie“, „Ich war noch niemals in New York“ und „Mit 66 Jahren“ verdeutlichen Udo Jürgens‘ Ausnahmestellung als Künstler.

UdoJürgens_SongschreiberFürInternationaleStars_WebSongschreiber für internationale Stars

Zum ersten Mal hörte die Welt von Udo Jürgen Bockelmann, der sich als Künstler Udo Jürgens nannte, im Jahr 1959. Damals gelang dem bereits 25-jährigen Österreicher mit seinem Song „Jenny“ ein erster kleiner Hit. Seinen Durchbruch als Komponist schaffte er bereits ein Jahr später mit „Reach For The Stars“, das keine Geringere als die US-Sängerin Shirley Bassey zum Erfolg machte. Weitere Jürgens-Songs wurden von Größen wie Matt Monro und Sammy Davis Jr. interpretiert. 1965 dann glückte Jürgens mit „17 Jahr, blondes Haar“ der Durchbruch als Plattenkünstler, und 1966 stieg er mit „Merci, Chérie“, dem Siegertitel des Grand Prix Eurovision, zu einem der größten Stars der einheimischen Branche auf. Es folgten Hits wie „Immer wieder geht die Sonne auf“, „Lieb Vaterland“ und ab 1974 seine wohl bekanntesten Songs „Griechischer Wein“, „Ein ehrenwertes Haus“, „Aber bitte mit Sahne“ und „Mit 66 Jahren“.

UdoJürgens_Udo70_WebHörtipp: Udo ’70 (1969)
250 Konzerte in 11 Monaten: 1969 startet Udo Jürgens seine „Udo 70“-Tournee und stellt damit alles in den Schatten. Das dazugehörige Studioalbum zeigt seine Bandbreite als Künstler: Neben dem Single-Hit „Anuschka“ kombinierte er elegant nachdenkliche Songs mit flotten und gesteht „Dann kann es sein, dass ein Mann auch einmal weint“…

UdoJürgens_TexterAlsSpiegelDerGesellschaft_WebTexter als Spiegel der Gesellschaft

Nach den großen Klassikern der 1970er-Jahre, die ihm ungeahnte Popularitätswerte beschert hatten, ließ es Udo Jürgens keineswegs ruhiger angehen. Weiterhin ging er regelmäßig auf Tournee und brachte fast jährlich neue Alben heraus, darunter so ambitionierte Werke wie „Traumtänzer“, das sich mit der Problematik des internationalen Wettrüstens beschäftigte. Immer wieder nahm Jürgens in seinen Songs Stellung zu gesellschaftlichen Problemen, egal ob es sich dabei um die Kirche, den Drogenkonsum oder die deutsche Wiedervereinigung handelte. Mit dem riesigen Erfolg seines Musicals „Ich war noch niemals in New York“ im Jahr 2007 erhielten auch die Platten des Sängers, der längst als Elder Statesman der Branche galt, wieder größere Aufmerksamkeit. So gelangte jedes seiner letzten drei zu Lebzeiten veröffentlichten Alben in die Top-5 der deutschen Charts.

UdoJürgens_Traumtänzer_Web

Hörtipp: Traumtänzer (1983)
Plötzlich so ernst: Wie das Studioalbum „Traumtänzer“ zeigt, war Udo Jürgens nicht bloß Entertainer, sondern vor allem ein Songschreiber mit Anliegen. Lieder wie „Die Schwalben fliegen hoch“, „Entschuldigung, wo geht’s hier zur Hölle“ und „Bruder, warum bist Du nicht mehr mein Bruder“ thematisieren gesellschaftliche Problematiken, darunter das Wettrüsten der 80er-Jahre.

Der Mann mit dem FagottFilmstar mit Fagott

Zwar schaffte Udo Jürgens seinen Durchbruch als Musiker erst verhältnismäßig spät, nämlich 1966, als er bereits 31 Jahre alt war. Überraschenderweise aber hatte er da schon bei zehn Spielfilmproduktionen mitgewirkt. Die erste war im Jahr 1957 „Die Beine von Dolores“ mit Theo Lingen, Grethe Weiser und Claus Biederstaedt. Weitere Kinoerfolge feierte Jürgens u. a. 1961 mit „Unsere tollen Tanten“ (mit Gunther Philipp, Vivi Bach) und „Tanze mit mir in den Morgen“, wo er neben Stars wie Paul Hörbiger, Guggi Löwinger und Rex Gildo auftrat. Nach längerer Schauspielpause trat Udo Jürgens danach erst in den frühen 1990er-Jahren und in Fernsehproduktionen wie „Das Traumschiff“ und „Ein Schloss am Wörthersee“ wieder vor die Kamera. Seine bedeutendste Rolle allerdings spielte er im Jahr 2011, als er in dem Kinofilm „Der Mann mit dem Fagott“ sich selbst verkörperte. Die Verfilmung basierte auf dem gleichnamigen, 2004 erschienenen autobiografischen Roman, den Jürgens gemeinsam mit seiner späteren Lebensgefährtin Michaela Moritz geschrieben hatte.

UdoJürgens_DerMannMitDemFagott_WebHörtipp: Der Mann mit dem Fagott (2011)
Um den Film über seine bewegende Familiengeschichte angemessen zu untermalen, komponierte Udo Jürgens die Musik selbst und verlangte dem Orchester bei den Aufnahmen höchsten Einsatz ab. Den Soundtrack gibt es mit der Bonus-CD „Reise durch das Leben“.

UdoJürgens_LebemannUndMehrfacherVater_WebLebemann und mehrfacher Vater

Bei einem Showstar von Udo Jürgens’ Kaliber bleibt es nicht aus, dass auch sein Privatleben unter Dauerbeobachtung der Medien steht. Zwar kokettierte Jürgens zumindest in jungen Jahren gerne auch mit dem Image des Lebemannes, letztlich aber zählte er nie zu denen, die ihre Affären in der Öffentlichkeit ausbreiteten. Verheiratet war Udo Jürgens zwei Mal, von 1964 bis 1989 mit Erika „Panja“ Meier, mit der er die zwei Kinder John (*1964) und Jenny (*1967) hatte, sowie von 1999 bis 2006 mit Corinna Reinhold. Neben John und Jenny hatte Jürgens noch zwei uneheliche Kinder, Sonja (*1966) und Gloria (1994). Nicht nur mit seinem phasenweise turbulenten Privatleben machte der Sänger Schlagzeilen. Als er seinen Wohnsitz 1977 von Deutschland in die Schweiz verlegte, spekulierte die Presse prompt über Steuerflucht. Jürgens aber konnte die Vorwürfe entkräften. Zuletzt sorgte der Sänger im Jahr 2014 für Wirbel, als er sich öffentlich und kritisch zur Entscheidung der Schweizer Bevölkerung „Gegen Masseneinwanderung“ äußerte.

UdoJürgens_MittenImLeben_WebHörtipp: Mitten im Leben (2014)
Beinahe 50 Jahre nach seinem Sieg beim Eurovision Song Contest und vor dem Start seiner 25. Konzerttournee erschien Udo Jürgens 53. Album mit 12 neukomponierten Songs. Songs wie „Der Mann ist das Problem“, „Der gläserne Mensch“ und „Die riesengroße Gier“ unterstreichen einmal mehr seinen gesellschaftskritischen Humor und seine Relevanz als Künstler.

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