Die Smokie-Story, Teil 2: fünf Hitalben und ein Todesfall

Smokie_Gold_Beitrag_Bio2Mit „If You Think You Know How To Love Me“ gelang Smokey 1975 der Durchbruch – es war der Auftakt zu einer der erfolgreichsten Musikkarrieren der Seventies. Kaum aber hatte sich die Band um Sänger Chris Norman einen Namen gemacht, musste sie ihn auch schon wieder wechseln…

Text: Ernst Hofacker

Oktober 1975: Als Smokey nach zehn Jahren Anlauf endlich ihren Platz an der Charts-Sonne erobert haben, flattert ein Schreiben aus den USA auf den Tisch, und das verheißt nichts Gutes. Der amerikanische Soulstar Smokey Robinson droht darin mit juristischen Schritten, sollte die Band weiterhin unter dem Namen Smokey auftreten. Seine Begründung: Der Umstand, dass die Musiker als Bandnamen ausgerechnet seinen Vornamen benutzten, sorge bei Robinsons Millionenpublikum für Verwirrung und berge Verwechs¬lungsgefahr. Für einen Moment scheint es, als würde das Schicksal Smokey zwingen, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Schließlich aber finden die Engländer eine salomonische Lösung: Sie verändern die Schreibweise zu Smokie. Mr. Robinson ist einverstanden.

Band des Jahres 1976Smokie1976_@DidiZill (2)

Das dritte Album, „Midnight Café“, aufgenommen im folgenden Winter und veröffentlicht im April 1976, erscheint denn auch unter dem Namen Smokie. Es konsolidiert den Ruf der Band als Neuentdeckung mit Hitappeal und wirft nicht weniger als drei Chartstreffer ab. Neben dem Top-Ten-Erfolg „I’ll Meet You At Midnight“ sind dies „Wild Wild Angels“ und „Something’s Been Making Me Blue“. Inzwischen sind Chris Norman, Terry Uttley, Alan Silson und Pete Spencer fast ununterbrochen unterwegs – vor allem in West¬deutschland, wo sie auf Anhieb die Teenagerherzen erobern. Bravo hievt die Band auf den Titel und schreibt: „In England sind sich alle einig: Smokie ist die Gruppe, die 1976 ganz oben sein wird!“ In Ilja Richters TV-Show „Disco“ sind die Engländer fortan Stammgäste.

Und jetzt geht’s so richtig los: Am 7. Februar 1977 verdrängt „Living Next Door To Alice“ Boney M.s „Sunny“ von der Spitze der deutschen Charts. Smokie feiern ihre erste Nummer eins, sagenhafte neun Wochen thront der Song ganz oben. Und am 25. April, „Alice“ hält sich noch auf Platz vier, schießt mit „Lay Back In The Arms Of Someone“ gleich die nächste Smokie-Single auf Platz eins! „It’s Your Life“ und „Needles And Pins“, eine Coverversion des 1963er-Originals von Jackie DeShannon, schaffen es im Verlauf des Jahres ebenfalls unter die ersten Drei.

Smokies dritte Nummer eins in BRD

1977 beschert der Band nicht nur in Deutschland Triumphe, in England, der Schweiz und Österreich schaffen es Smokie ebenfalls in die Top Ten – fast kann man von einer europaweiten Smokiemania sprechen. Kein Wunder, dass „For A Few Dollars More“, „Oh Carol“ und „Mexican Girl“ vom großartigen, nun schon fünften Smokie-Longplayer „The Montreux Album“ (1978) die Charts ebenso dominieren. Mit letzterem Song – dem ersten Singlehit übrigens, der von der Band selbst geschrieben wurde – gelingt Smokie die dritte Nummer eins in Deutschland.

Smokie_ChrisNorman1976_ldvocals@DidiZill (2)Es scheint, als könnten die Briten nichts falsch machen. So gelingt Chris Norman und Kollegin Suzi Quatro mit dem Duett „Stumblin’ In“ sogar der Sprung in die US-Top-Ten, und die von Smokie produzierte Single „Head Over Heels In Love“ des Fußballstars Kevin Keegan räumt ebenfalls ab. Indes: Der musikalische Zeitgeist hat sich zum Ende der 1970er-Jahre verändert. Punk, New Wave und Disco sind die Trends der Stunde, Smokies tief in den 1960er-Jahren verwurzelter Softrock gerät zusehends ins Abseits. Hinzu kommt, dass sich die inzwischen selbstbewusste Band 1979 von Chinn/Chapman trennt, die bislang fast das komplette Hitmaterial der Gruppe geschrieben und produziert haben. Ohne ihre Förderer machen Smokie zunächst erfolgreich weiter, „Do To Me“, „Baby, It’s Up To You“ und „San Francisco Bay“ erreichen die Top Ten. 1980 aber reißt der Erfolgsfaden. Trotz deutlicher Kurskorrektur in Richtung Rock und experimentellerer Töne fallen die Alben „Solid Ground“ und „Strangers In Paradise“ bei den Fans durch. 1982 lösen sich Smokie auf.

Bohlen verhilft Norman zum Comeback

Drei Jahre später die Reunion, Anlass ist eine Gedenkfeier für die 56 Todesopfer einer Feuerkatastrophe im Fußballstadion von Bradford. Bei der Gelegenheit beschließen Smokie, wieder gemeinsam zu touren. 1986 aber steigt Chris Norman endgültig aus. Mit „Midnight Lady“, einer im Schimanski-Tatort „Der Tausch“ eingesetzten Ballade aus der Feder von Dieter Bohlen, ist ihm inzwischen ein Monsterhit gelungen. Auch Pete Spencer reicht seinen Abschied ein.

Smokie_AlanBarton1993_ldvocals_@Smokie (2)Die restlichen Smokie verpflichten in Alan Barton einen neuen Sänger und versuchen ein Comeback. Erst 1990 gelingt ihnen mit „In The Middle Of A Lonely Dream“ ein kleiner Radiohit. Eine Weile sieht es so aus, als könnten sich Smokie im Jahrzehnt von Grunge und Techno ins Rampenlicht zurückkämpfen, zumal ihr alter Hit „Living Next Door To Alice“ in einer Comedy-Neuversion mit dem Zusatz „Who the Fuck is Alice?“ überraschend Wiederauferstehung feiert. Im März 1995 aber kommt es zu einem tragischen Unglück: Nach einem Konzert im Sauerland kommt der Smokie-Bandbus auf dem Weg zum Düsseldorfer Flughafen von der vereisten Straße ab. Alle Insassen kommen mit leichten Blessuren davon, Alan Barton aber erliegt wenige Tage später in einem Kölner Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen.

Dennoch gibt die Band nicht auf und verpflichtet mit Mike Craft einen neuen Sänger. Auch wenn nach Alan Silsons krankheitsbedingtem Ausstieg nur noch Terry Uttley von der Originalbesetzung dabei ist, touren Smokie bis heute erfolgreich kreuz und quer durch die Welt. Ebenso wie Chris Norman, der Ende der 1990er von der Bildfläche verschwunden schien: 2004 geht er aus der erfolgreichen deutschen TV-Show „Comeback“ als Sieger hervor, seitdem zählt er mit seiner Band zu den populärsten Live-Acts und veröffentlicht wieder regelmäßig Alben. Bleibt noch Bandgründer Ron Kelly, der Smokie kurz vor dem Durchbruch im Jahr 1973 verlassen hatte. Er lebt heute mit seiner deutschen Frau in Wernigerode im Harz und tritt noch gelegentlich mit seiner eigenen Band auf, die er Spirit of Smokie nennt.

► WEITERLESEN: Smokies „Alice“ – die unglaubliche Geschichte des größten Smokie-Hits

Das Beste von damals bis heute

„Smokie Gold 1975-2015 – The 40th Anniversary Gold-Edition“ ist die definitive Karriere-Retrospektive der britischen Band. Das Doppelalbum ist in einer Standard und einer Deluxe Edition erhältlich und umfasst neben den großen Hits der 1970er Jahre auch die wichtigsten Aufnahmen aus späteren Jahren, neue Songs von Smokie und Chris Norman sowie Solotracks, Raritäten, Unplugged-Versionen und Livemitschnitte.

Für wahre Fans gibt es „Smokie Gold 1975-2015“ als 3-DVD-Edition. Das mit annähernd acht (!) Stunden Spielzeit prallvolle Boxset versammelt erstmals Promo Clips, TV-Auftritte und Konzertmitschnitte aus alles Karrierephasen sowie Interviews und einen 42-minütigen Dokumentarfilm.

Smokie Gold 1975-2015 – The 40th Anniversary Gold-Edition

Disk: 1Smokie GOLD CD Layout (2)
1. If You Think You Know How To Love Me – Jay Frog & Amfree Mix
2. Lay Back In The Arms Of Someone
3. For A Few Dollars More
4. Something’s Been Making Me Blue
5. San Francisco Bay
6. Sally’s Song (The Legacy Goes On)
7. Don’t Play That Game With Me
8. Can’t Cry Hard Enough
9. Run To Me
10. What Can I Do
11. Changing All The Time
12. Don’t Play Your Rock ‘N’ Roll To Me
13. Wild Wild Angels
14. Pass It Around
15. Light Of Love – Mono – Kindness
16. I’ll Meet You At Midnight – Live
17. Looking Daggers
18. The Book
19. Steppin’ On Seashells
20. Closer To The Candle – Silson, Alan
21. Jealous Heart (Blame It On My) – Norman, Chris
22. At The End Of The Rainbow

Disk: 2
1. Babe It’s Up To You
2. It’s Your Life
3. Oh Carol
4. Baby It’s You
5. Living Next Door To Alice
6. Rock ‘N’ Roll Rodeo
7. In The Middle Of A Lonely Dream
8. Where Sorry’s Not Enough
9. Do To Me
10. If You Think You Know How To Love Me
11. Boulevard Of Broken Dreams
12. You’re So Different Tonight
13. She Rides Wild Horses
14. Mexican Girl
15. Needles And Pins
16. Lindy Lou – Mono – Kindness
17. Petesey’s Song
18. Tis Me
19. You Don’t Care
20. A Cry In The Night
21. Amazing – Norman, Chris
22. Desperate Measures – Acoustic Version
23. Forty Years On – Norman, Chris

Smokie Gold 1975-2015 – 3 DVD’s

SmokieGOLD_DVDPackshot (2)

DVD1
Einzigartige Higlights aus den beliebtesten TV-Shows weltweit

DVD2
Die besten Video-Clips sowie Ausschnitte aus dem legendären Benefiz-Konzert in Bredford, England (1995).

DVD3
Hinter dem Eisernen Vorhang
Ost-Berlin, 1976
Sofia, 1983
Bratislava, 1983

Weitere Artikel

Cover Funky Dance Grooves

The Long Versions „Funky Dance Grooves“: Wie Nile Rodgers das Tanzfieber verbreitete

Ursprünglich tiefschwarze Musik, wurde der Funk im Zuge der Disco-Revolution zum universellen Tanzsound. Was einst mit Großmeister James Brown begann, wird bis heute durch Musiker wie Justin Timberlake an die nächsten Generationen weitergegeben. Auch 50 Jahre nach seiner Erfindung ist der quirlige Groove quicklebendig und zieht Menschen auf der ganzen Welt....
Mehr lesen
Barry Gibb Portrait

Barry Gibb: Neues Soloalbum!

Eine schöne Überraschung für Fans der legendären Bee Gees: Mit “In The Now” veröffentlicht Barry Gibb am 7. Oktober ein nagelneues Soloalbum! Vier Jahre nach dem Tod seines Bruders Robin und wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag überzeugt der Altmeister mit bewährten Tugenden – kein Wunder, denn wie immer bei den....
Mehr lesen
Sweet

Andy Scott erzählt die SWEET-Geschichte anhand ihrer Alben

In den 70er Jahren feierten SWEET international und vor allem auch in Deutschland große Erfolge. Sie waren der Inbegriff des Glamrock. In der Musiksendung “disco” mit Ilja Richter und im “Musikladen” hatten sie mehrere Auftritte. Zum 50. Jubiläum der Bandgründung führt uns Gitarrist Andy Scott anhand der Alben des neuen Boxsets....
Mehr lesen
UdoJürgens_DasLetzteKonzert_Beitrag

Udo Jürgens: Das letzte Konzert

Mehr als 1.000 Lieder hat er geschrieben, mehr als 50 Alben aufgenommen und mehr als unglaubliche 100 Millionen Tonträger verkauft: Zweifellos gehört Udo Jürgens (1934-2014) zu den Giganten der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik. Am 7. Dezember 2014 spielte er in seiner Wahlheimat Zürich sein letztes Konzert, das bis auf den hintersten Platz ausverkauft....
Mehr lesen
BoneyM_Beitrag_LoveForSale

Boney M.: Skandal ums Plattencover von „Love For Sale“

Als Boney M. nach ihrem Einstandshit „Daddy Cool“ im Frühling 1977 mit „Love For Sale“ ihr zweites Album veröffentlichen wollten, hallte ein Aufschrei über den Atlantik: zu wenig Textilien, zu viel Haut und zu grenzwertige Assoziationen für den amerikanischen Markt. Was war da los? Text: Ernst Hofacker Schon das Albumcover des....
Mehr lesen